© Linda Schäffler 04.03.26 INTERVIEW „Wachstum wird überall gesucht – aber wohin soll das führen?“ – Maja Göpel Interview mit Prof. Dr. Maja Göpel, Politökonomin, Transformationsforscherin Gesellschaftswissenschaftlerin und Gründerin von Mission Wertvoll Für den Sustainable Economy Summit 2026 haben wir mit Prof. Dr. Maja Göpel darüber gesprochen, warum unser Wirtschaftsverständnis an einer Zielverwechslung leidet, weshalb politische Rahmenbedingungen ein „Update“ brauchen und wie eine wertvolle Wirtschaft aussehen kann, die ökologische Stabilität, soziale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zusammendenkt. Frau Göpel, Sie sind als Transformationsforscherin regelmäßig Teil öffentlicher Debatten über Wirtschaft und Wandel. Worin liegt aus Ihrer Sicht der größte Denkfehler des bisherigen Wirtschaftsverständnisses? Der zentrale Denkfehler unseres jetzigen Wirtschaftssystems liegt in einer Zielverwechslung: Wir behandeln Wachstum als Ziel, obwohl es bestenfalls ein Mittel sein kann. Wohlstand ist die eigentliche Zielgröße – und die bemisst sich an Lebensqualität, Versorgungssicherheit und Zukunftsfähigkeit, nicht an bloßer Mengensteigerung. Wir haben uns dennoch daran gewöhnt, wirtschaftlichen Erfolg primär über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Profit oder nun auch Aktienwert zu definieren. Dabei sagt das BIP nichts darüber aus, ob das, was hinter der Geldmehrung passiert, tatsächlich Lebensqualität erhöht oder den Ressourcenbestand zerstört. Profit kann ich dann besonders gut machen, wenn ich möglichst wenig für Naturverbrauch oder Arbeitskraft bezahle. Aktienwerte bilden heute Wetten auf die Zukunft ab. Wenn wir ökologische Schadensvermeidung, Ressourcenregeneration, menschenzentrierte Arbeitsverhältnisse und soziale Kohäsion nicht als übergeordnete Ziele behandeln, schreiben wir zwar weiter Wertschöpfung drauf, wundern uns dann aber darüber, warum hinter all den Zahlenkolonnen die Substanz verloren geht. In Ihren Büchern („Unsere Welt neu denken“, „Wir können auch anders“, „Werte“) plädieren Sie für ein neues Denken über Wirtschaft und Gesellschaft und sprechen von einer „wertvollen Wirtschaft“. Was zeichnet dieses Wirtschaftsverständnis konkret aus? Eine wertvolle Wirtschaft orientiert sich nicht nur an Effizienz im ökonomischen Sinne, sondern an der Frage, welche realen Werte durch wirtschaftliches Handeln entstehen – und auf welche realen Bestände wir dabei zurückgreifen. Sie fragt: Was erhält und stärkt die Grundlagen unseres Wohlstands – ökologisch, sozial und institutionell? Konkret bedeutet das, ganzheitlich und ehrlich die Kosten zu bilanzieren. „Externalisierung“ ist ja ein betriebswirtschaftlicher Euphemismus: irgendwo treten die Schäden auf, selbst wenn wir keinen Preis draufschreiben. Auch gesamtgesellschaftliche Vorteile werden bisher viel zu wenig in den Standards berücksichtigt. Dann würden auch Innovationen sich einen zukunftssicheren Weg suchen, tatsächlich auf die Formel „hohe Lebensqualität bei geringstem Fußabdruck“ hin orientieren. Das bedeutet, Innovation nicht als technologische Beschleunigung zu verstehen, sondern als Fähigkeit, Problemlösungen hervorzubringen, die langfristig der Gesellschaft dienen und tragfähig sind. Dann finden auch unternehmerische Freiheit mit Verantwortung ziemlich einfach zusammen – nicht als moralischer Zusatz, sondern als Betriebssystem. Das gelingt allerdings nur, wenn die politischen Rahmenbedingungen ein Update erfahren, denn aktuell bleibt nachhaltiges Handeln noch viel zu oft ein Wettbewerbsnachteil. Damit verspielen wir gesellschaftliche Sicherheit und Freiheit – das sollten uns die heißen Diskussionen über Geoökonomie verdeutlichen. Welche überraschenden Erkenntnisse haben Sie in Ihrer Arbeit als Transformationsforscherin gewonnen? Transformation scheitert selten am Mangel an Wissen. Sie scheitert an einem Mangel an Zusammenspiel durch Macht, Interessen, Egos – und an soziokulturellen Faktoren wie einer unzureichenden Diagnose der Probleme und Chancen im Problemverständnis, Imaginationskraft in der Suche nach Handlungsoptionen und Risikofreude beim Probieren bzw. Resilienz beim zu erwartenden Ruckeln. Unternehmen stehen unter hohem Anpassungsdruck, gleichzeitig fehlt es oft an Orientierung und Planungssicherheit. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Politik und politische Rahmenbedingungen, damit wirtschaftliche Transformation gelingen kann? Diese ganze Story, Märkte wären ein Staaten-entgegengesetzter Raum, der frei wäre ohne Regeln, ist die vielleicht widerständigste Quatscherzählung der Geschichte. In vielen Bereichen gäbe es gar keine Märkte ohne die Regeln und Verträge, und auch einen Staat, der dafür bürgt, dass sie durchgesetzt werden. Allen voran übrigens die Finanzmärkte. Wer Lust auf eine beißende wie humorvolle Analyse der ganzen bürokratischen Auswüchse durch Vermarktung unserer Beziehungen lesen möchte und auch zur Rolle von den Unternehmen, die sie zu ihren Gunsten aufstellen wollen, dem sei das Buch „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ von David Graeber empfohlen. Es wäre also schön, wenn wir schlicht die Lenkungswirkung all dieser Regelwerke auf den Prüfstand stellen und dann für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts updaten. Wenn das mit dem Ziel der Politikkohärenz statt Parteikonkurrenz passierte und ein Zielbild wahren würde, in dem Gemeinwohl zu erkennen ist, dann wäre das aus meiner Sicht ein Garant für Aufbruch und Investitionen, neue Allianzen und Lust drauf, daran mit voller Power mitzuwirken. In vielen Debatten stehen Krisen, Verzicht und Überforderung im Vordergrund. Welche Rolle spielen Narrative und positive Zukunftsbilder für reale wirtschaftliche Veränderung? Es geht nicht ohne Zielbild. Schlimmer ist vielleicht nur das beteuern, man hielte daran fest und dann aber Maßnahmen zu verabschieden, die sich nachweislich nicht priorisieren. Schöne Grüße an die Wirtschaftsministerin aus der Gasbranche. Wenn demokratische Parteien den Anspruch auf Evidenzbasis beerdigen, und das zu Zeiten historisch geringer Vertrauenswerte in die Politik, dann wird das Scheunentor für den populistischen Angriff auf unsere Institutionen aufgerissen. Denn so bestätige ich die von der AfD platzierten Narrative, dass sich „die Elite“ sowieso nur noch selbst bereichern wollte und es deshalb ein Befreiungsschlag wäre, sie alle rauszuschmeißen. Schon in 2024 haben uns Forschende zur gesellschaftlichen Stimmung davor gewarnt, dass die positiven Zukunftsbilder von denen gekapert wurden, die sich als Systemsprenger inszenieren. Daher empfand ich es auch als zunehmend erstaunlich, wieso es weder in den Medien, noch von demokratischen Parteien verstanden wurde, dass Framing so wichtig ist: immer und immer wieder mit den drei V anzutreten – Verbot, Verzicht, Verlust –, sobald über politisch unterstützte Veränderung gesprochen wird, stellt einen – evidenzbasiert betrachtet – zunehmend riskanten und teuren Status Quo als eine Normalität dar, die so bleiben würde, wenn diese Transformer endlich Ruhe gäben. Dazu kam, dass immer weiter behauptet wurde, die Mehrheit wollte das alles nicht. Auch ohne empirische Sättigung dahinter, dann war auf einmal die Mehrheit der eigenen Wähler:innen ausschlaggebend. So schaffe ich weder ein wünschenswertes Zukunftsbild, noch ein vertrauenswürdiges Verständnis der Handlungsoptionen und schon gar nicht den Eindruck, dass eine Gesellschaft das mit fair konzipierter Zusammenarbeit hinkriegt. Wettbewerbsfähigkeit ist derzeit das zentrale Leitmotiv der Wirtschaftspolitik. Warum sind Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit aus Ihrer Sicht keine Gegensätze, sondern miteinander verbunden? Die Vorstellung eines Gegensatzes zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit entsteht meist aus einer sehr kurzfristigen Kostenperspektive. Dann erscheinen Investitionen in Klimaschutz als Belastung. Systemisch betrachtet verschiebt sich der Blick jedoch: Die eigentlichen wirtschaftlichen Risiken liegen in strukturellen Abhängigkeiten und in der Verschiebung von Schäden und Kosten in die Zukunft – nicht mal mehr an andere Orte der Welt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sehr konkret vor Augen geführt, wie verletzlich Volkswirtschaften werden, wenn sie stark von fossilen Energieimporten abhängig sind, auch Getreideexporte sind zur Erpressung genutzt worden. Die Resilienzforderungen kannten wir aber auch schon aus der Corona-Pandemie, als just-in-time Lieferketten zusammenbrachen und viele sich damit schmückten, bestimmte Produkte auch heimisch produzieren zu können oder zumindest auch gewisse Vorräte zu halten. Eine Transformation hin zu erneuerbaren Energien, höherer Effizienz, zirkuläre Stoffströme und die Entwicklung regenerativer Materialien sind deshalb Sicherheitspolitik. Und zwar nicht nur defensiv – wie häufig bei Resilienz verstanden wird – sondern aktiv nach vorne gedacht: je geringer der Ressourcenbedarf und die Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen, umso geringer der Druck in Richtung Verteilungskämpfe und erzwungene Migration. Ich verstehe nicht, wie das in einer Zeit nicht gesehen wird, wo eine imperial agierende US-Regierung offen mit Annexion ressourcenreicher Länder droht. Und auch einfach mathematisch zu Ende gedacht, werden aus ressourcenschonenden Materialien, Prozessen, KI-Lösungen oder Dienstleistungen die neuen Exportschlager und die Chance, soziale Fragen endlich ehrlich zu beantworten: in aller Regel sind es nämlich die ärmsten Personen, die am wenigsten zu der Übernutzung beitragen und trotzdem die Schäden als erste spüren – auch in unseren Ländern. Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich vom Sustainable Economy Summit 2026? Ich wünsche mir einen Summit, der mit Mut aufzeigt, warum eine nachhaltige Wirtschaft immer noch das beste Zukunftsversprechen ist und dafür konkrete Orientierungsangebote schafft. Also: Wo liegen reale Zielkonflikte – und wo werden vermeintliche überbetont? Welche politischen Leitplanken brauchen Unternehmen jetzt, um zu investieren und in Transformationspfaden denken zu können? Und wie können Allianzen entstehen, die über einzelne Branchen, eingeübte Perspektiven und ritualisierte Konkurrenz hinausreichen? Für mich steht dabei ehrliches Zuhören neben mutigem Vorausdenken und konkrete Beispiele zeigen im Mittelpunkt. Eine gelungene Transformation entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern funktioniert nur im Plural: sie ist ein Gemeinschaftswerk. Zur Session mit Maja Göpel Weitere Artikel 02.04.26 NEWS ESG.Table Live Briefing als Auftakt zum Sustainable Economy Summit Lesen INTERVIEW „Innovation und Nachhaltigkeit gehören zusammen“ – Alexander Bonde Lesen INTERVIEW „Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft braucht klare Entscheidungen“ – Stefan Müller Lesen