Stefan Müller
10.02.26 INTERVIEW

„Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft braucht klare Entscheidungen“

Interview mit Stefan Müller, Co-Founder und operativer Vorstand (COO) von ENERPARC

Für den Sustainable Economy Summit 2026 haben wir mit Stefan Müller darüber gesprochen, warum die Energiewende ohne verlässliche politische Leitplanken nicht gelingen kann, wie ENERPARC seit der Gründung durch Krisen navigiert – und weshalb Akzeptanz, Biodiversität und stabile Wertschöpfungsketten zentrale Erfolgsfaktoren für die Solarbranche sind.

Herr Müller, der Sustainable Economy Summit steht unter dem Titel „Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft“. Wäre aus Sicht eines Solarunternehmens nicht auch „Sonne für die Wirtschaft von morgen“ ein passender Titel?

Der Titel „Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft“ trifft es aus meiner Sicht sehr gut. In der aktuellen Situation geht es zunächst einmal darum, dass die Wirtschaft überhaupt Rückenwind bekommt. Viele Akteure stehen derzeit unter großem Druck, so auch die Politik. Was fehlt, sind klare, verlässliche Aussagen darüber, wohin die Reise geht.

Dabei geht es nicht nur um Solarenergie, sondern um die gesamte Wirtschaft. Unternehmen brauchen Planbarkeit. Wir arbeiten weiter konsequent an der Energiewende und sind überzeugt, dass die Elektrifizierung der Wirtschaft der richtige Weg ist. Mit welcher Geschwindigkeit sie vorangeht, wird sich zeigen – aber ohne Rückenwind, vor allem aus der Politik, wird es deutlich schwieriger.

ENERPARC wurde 2008 mitten in einer Finanzkrise gegründet. Deutschland war damals schon einmal deutlich euphorischer, was Solarenergie anging. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich bin seit Anfang der 1990er-Jahre im Solargeschäft und habe viele Aufs und Abs miterlebt. Das Entscheidende ist: Der Markt ist langfristig immer gewachsen. Heute fließen rund 80 Prozent der weltweiten Energieinvestitionen in erneuerbare Energien. Das zeigt, dass wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind.

Die Gründung von ENERPARC war so in der Form und mit der Entwicklung damals gar nicht geplant gewesen. Ich war zuvor bei einem Unternehmen tätig, das in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Daraus entstand der Entschluss, es selbst besser zu machen. Rückblickend war es sogar ein Vorteil, 2008 in einer Krise zu gründen. In solchen Phasen lässt sich anders verhandeln, das Kostenbewusstsein ist höher und man fokussiert sich auf das Wesentliche.

Unser zentrales Prinzip lautete von Anfang an: Cashflow ist entscheidend. Umsatz oder EBIT sind wichtig, aber ohne Liquidität funktioniert kein Unternehmen. Man kann nur das Geld ausgeben, das tatsächlich auf dem Konto ist. Dieses Denken hat uns sehr geholfen.

Der Markt ist heute stark geprägt von internationalem Wettbewerb, insbesondere aus China. Wie gehen Sie mit diesem Preisdruck um?

Man muss unterscheiden zwischen produzierender und ausführender Wirtschaft. Für uns als Projektentwickler und Betreiber von Solarkraftwerken ist der Preisdruck bei Modulen zunächst einmal positiv. Würden wir selbst Module produzieren, sähe das anders aus. Heute kommen rund 90 Prozent der Module und etwa 70 Prozent der Wechselrichter aus China. Das ist Realität, und damit müssen wir umgehen. Man kann es auch pragmatisch betrachten: Momentan finanzieren günstige chinesische Produkte einen großen Teil der Energiewende.

Gleichzeitig gibt es viele weitere Einflussfaktoren – Netzanschlüsse, Zinsen, Verfügbarkeit von Fachkräften oder lange Lieferzeiten, zum Beispiel bei Transformatoren. Genau deshalb versuchen wir, die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren. Das gelingt uns vor allem durch vertrauensvolle und langfristige Partnerschaften. Aktuell haben wir in Deutschland zum Beispiel die Situation, dass Transformatoren oder Übergabestationen eine Lieferzeit von teilweise mehreren Jahren haben. Diese Engpässe treffen uns deutlich weniger stark, da wir bewusste und langfristig ausgerichtete Partnerschaften mit unseren Zulieferern pflegen. Das macht ENERPARC sehr widerstandsfähig.

ENERPARC engagiert sich über das Kerngeschäft hinaus – etwa bei Biodiversität, Bürgerbeteiligung und fairen Arbeitsbedingungen. Was ist die Motivation dahinter?

Zunächst sind wir ein ganz normal wirtschaftlich geführtes Unternehmen mit rund 600 Mitarbeitenden in Europa. Wir müssen Gehälter zahlen und profitabel arbeiten. Gleichzeitig wissen wir, dass zum Beispiel Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung ein entscheidender Faktor ist. Biodiversitätsmaßnahmen in Solarparks, die Zusammenarbeit mit Biologinnen und Biologen oder ein eigenes Umweltteam führen dazu, dass wir auf Augenhöhe mit Naturschutzbehörden arbeiten. Das erleichtert Genehmigungen und schafft Vertrauen vor Ort. Wenn wir nach einigen Jahren sehen, dass auf unseren Flächen Arten wie die Feldlerche zurückkehren, bestätigt uns das in unserem Ansatz – und es macht unglaublich viel Spaß, solche positiven Entwicklungen mit voranzutreiben. Das nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal von ENERPARC, sondern die gesamte Branche tritt in dieser Hinsicht sehr bewusst auf.

Auch für die Gewinnung von Fachkräften spielt dieser Ansatz eine Rolle.

Absolut. Der Arbeitsmarkt ist herausfordernd, gerade für hochqualifizierte Fachkräfte. Neben fairer Bezahlung geht es um Arbeitsumfeld und Sinnhaftigkeit. Unser neues, CO₂-neutrales Bürogebäude in Hamburg oder eine gute Kantine sind keine Nebensächlichkeiten. Viele Bewerberinnen und Bewerber kommen aus Branchen mit Unsicherheiten und suchen gezielt nach einem langfristig stabilen, sinnvollen Job. Die aktive Mitgestaltung der Energiewende ist dabei ein starkes Argument. Dadurch erleben wir ein besonders hohes Engagement unserer Mitarbeitenden, was dann natürlich auch auf unsere ökonomischen Unternehmensziele einzahlt und ENERPARC zu einem langfristig sicheren und attraktiven Arbeitsgeber macht.

Braucht die Wirtschaft aktuell besonders viel Rückenwind – oder ist er bereits spürbar?

Rückenwind ist kein einmaliger Zustand. Es gibt immer positive Signale, aber auch Unsicherheiten. Was Unternehmen wirklich brauchen, sind klare, verlässliche Entscheidungen. Widersprüchliche politische Signale oder kurzfristige Kurswechsel verunsichern den Markt. Wenn es eine strategische Entscheidung für Elektrifizierung, Wärmepumpen oder Elektromobilität gibt, dann muss sie Bestand haben. Ständige Richtungswechsel und Populismus helfen niemandem.

Deshalb halte ich Formate wie den Sustainable Economy Summit für so wichtig. Es geht nicht mehr darum, die Energiewirtschaft neu zu definieren, sondern darum, gemeinsam Orientierung zu schaffen. Nur so kann Rückenwind entstehen – und genutzt werden.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich vom Sustainable Economy Summit 2026?

Ich wünsche mir, dass Akteure aus unterschiedlichen Wirtschaftszweigen zusammenkommen und auch kontrovers diskutieren. Der Titel öffnet bewusst ein breites Feld – und genau das brauchen wir. Klare Positionen, ehrliche Debatten und den Willen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

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