© dm_Sebastian Heck
20.01.26 INTERVIEW

„Nachhaltigkeit ist bei dm kein Trend – sondern Teil unserer Kultur“

Interview mit Kerstin Erbe, Geschäftsführerin Ressort dm-Marken und Nachhaltigkeit bei dm-drogerie markt

Für den Sustainable Economy Summit 2026 haben wir mit Kerstin Erbe einen Blick hinter die Kulissen von dm-drogerie markt geworfen: Wie gelingt es, in einem Sortiment von rund 12.000 Produkten nachhaltige Innovationen voranzubringen? Was braucht es, um ein großes Unternehmen Schritt für Schritt zukunftsfähig zu machen? Und warum werden Naturkapital und Biodiversität zu echten Schlüsselfragen für die Wirtschaft von morgen?

 

Frau Erbe, Sie sind seit 2016 bei dm und verantworten unter anderem das Produktmanagement und das Thema Nachhaltigkeit. Wenn Sie heute in einen dm-Markt gehen – welches Produkt macht Sie besonders stolz?

Es gibt viele Produkte, auf die ich stolz bin, aber eines fasziniert mich besonders: ein „Denkmit“-Spülmittel, bei dem wir recyceltes CO₂ einsetzen. Das Flaschenmaterial entsteht aus CO₂, das zum Beispiel in der Stahlproduktion anfällt. Dieses CO₂ wird abgeschieden, fermentiert, daraus entsteht dann Alkohol, und aus diesem Alkohol können wir Kunststoff herstellen. Das CO₂ bleibt also im Kreislauf und gelangt erst gar nicht in die Atmosphäre. Genau das macht mich extrem stolz: Produkten, die Inhaltsstoffe intelligent im Kreislauf führen, ein zweites Leben zu verleihen.

Bei dm haben wir aber noch viele weitere positive Beispiele von Produkten, die wir innovativ weiterentwickelt haben – zum Beispiel bei unseren Gesichtspflege-Produkten von Balea. In der Gesichtspflege sind doppelwandige Tiegel quasi Marktstandard. Unser Tiegel war schon materialreduziert, aber immer noch doppelwandig. Jetzt haben wir einen sehr schlichten, vollständig recyclingfähigen Tiegel aus Rezyklat auf den Markt gebracht – viel kleiner, viel einfacher. Und obwohl die klassische Marketinglehre sagen würde „Solch eine große Umstellung wird nicht funktionieren“ sehen wir bisher keinerlei Einbruch bei den Verkaufszahlen. Wenn das so bleibt, werden wir die gesamte Range umstellen – das würde richtig viel Kunststoff einsparen und ein wichtiges Signal an den Markt senden.

Dieses mutige Vorangehen hat uns schon einmal geholfen: Beim Toilettenpapier haben wir vor einigen Jahren kritische Preisschwellen überschritten, weil wir mehr Rollen pro Packung wollten, um Paletten und Transportaufkommen zu reduzieren. Das war riskant – aber wurde ein Erfolg. Unsere Kundinnen und Kunden sind mitgegangen, wir haben mehr Toilettenpapier verkauft und die gesamte Branche ist gefolgt.

dm steht ja nicht nur für Produkte, sondern auch für 2.150 Märkte in Deutschland und insgesamt 4.200 in Europa sowie rund 93.000 Mitarbeitende europaweit. Wo setzt man da als Nachhaltigkeitsverantwortliche an?

Ich glaube, gerade in einem großen Unternehmen ist es entscheidend, dass das Thema Nachhaltigkeit im Herzen getragen wird. Und bei dm liegt das bereits in der Unternehmenskultur, die vor allem stark durch den Gründer Götz Werner geprägt und durch Christoph Werner weiterentwickelt wurde. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Wir wollen Dinge tun, die sinnvoll sind. Und was ist sinnvoller, als Produkte nachhaltig beziehungsweise zukunftsfähig zu machen? Wir sprechen im Übrigen bewusst von „Zukunftsfähigkeit“. Sie umfasst die ökologische und die soziale Dimension, aber auch die Innovations- und Erneuerungsfähigkeit. Dieser Gedanke ist in unserer Unternehmenskultur tief verankert und unternehmerische Entscheidungen sollen im Sinne der Zukunftsfähigkeit getroffen werden.

Natürlich findet man aber bei unseren europaweit mehr als 93.000 Mitarbeitenden verschiedene Haltungen zu diesem Ansatz, so wie das in einer bunten Gesellschaft eben auch ist – absolute Einheitlichkeit ist unrealistisch. Aber der Grundimpuls ist klar: Entscheidungen sollen ökonomisch, sozial und ökologisch sinnvoll sein, und das wird allgemein sehr gut mitgetragen.

Was für uns deshalb aber auch besonders wichtig ist: Wir möchten unseren Kundinnen und Kunden Optionen bieten, die zukunftsfähiger sind – ohne ihnen aber etwas vorschreiben zu wollen. Es geht um Wahlmöglichkeiten, nicht um moralische Appelle.

Die Krisen der letzten Jahre haben unter anderem eine sinkende Kaufkraft zur Folge. Das macht sich ja bestimmt vor allem bei Alltagsprodukten, wie dm sie vertreibt, bemerkbar. Wie lösen Sie den Zwiespalt, dass dm seine Produkte nachhaltiger und innovativer machen möchte, allgemein aber die Bereitschaft für höhere Preise sinkt?

Nachhaltigkeit war bei dm nie ein Hype-Thema – sie ist Teil unserer Kultur. Aber ja, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema Nachhaltigkeit schwankt. Während Corona war Nachhaltigkeit sehr präsent, aktuell rücken finanzielle Sorgen und geopolitische Krisen in den Vordergrund. Trotzdem: das Thema verschwindet nicht. Im Gegenteil: Die Herausforderungen werden sich verschärfen.

Sinnvolle Dinge tun, bedeutet für uns, möglichst viele Produkte nachhaltig zu machen – ohne dass sie teurer oder weniger leistungsfähig werden. Unsere Kundinnen und Kunden kommen zu dm, um ihren Alltag zu erleichtern. Nachhaltigkeit ist zwar ein Aspekt, den Kunden sehr schätzen, aber wenige verzichten dafür auf Leistungsfähigkeit oder Convenience.

Deshalb ist Nachhaltigkeit kein Nischenthema mehr – es ist Mainstream: Alle Produkte müssen in den nächsten Jahren zukunftsfähig werden. Und für diesen Mainstream wollen wir nachhaltige, aber eben auch erschwingliche Produkte entwickeln. Wir wollen die 60 Prozent erreichen, die sagen: „Ich würde gern nachhaltiger konsumieren, aber ich kann es mir nicht leisten oder weiß nicht wie.“

Das war auch die Idee für eine unserer Kampagnen aus dem vergangenen Sommer. Mit dieser haben wir bewusst mit Vorurteilen zu nachhaltigen Produkten gespielt – zum Beispiel mit Aussagen wie „Das ist aber wässrig“ oder „Das kratzt doch“ und so weiter. Die Botschaft der Kampagne war: „Probier‘ es doch einfach mal aus!“ In diesem Zuge haben wir 10.000 Testpakete verlost. Die Nachfrage war aber deutlich höher, denn fast eine halbe Million Menschen hat sich gemeldet und Testpakete angefordert. Die Produktbewertungen für nachhaltige Artikel sind danach spürbar gestiegen.
Ich glaube: Nachhaltigkeit sollte Spaß machen, darf nicht teurer sein und als Qualitätsmerkmal erlebbar werden. Ich sehe es als wesentlichen Teil unserer unternehmerischen Verantwortung, diese Themen voranzutreiben – und so verstehen das auch unsere Kundinnen und Kunden.

Auf dem Sustainable Economy Summit 2026 sprechen Sie nicht über Produkte von dm, sondern über Naturkapital und Biodiversität. Warum diese Themen – und warum jetzt?

Das ist quasi das Vorausdenken unserer Themen, die wir mit unser Produktreihe „Pro Climate“ bereits im Markt haben. Mit dieser Produktreihe haben wir versucht, Umweltauswirkungen umfassend zu verstehen, finanziell zu bewerten und entsprechende Summen in Renaturierung zu investieren. Das war ambitioniert – und nicht immer leicht zu kommunizieren oder preislich umzusetzen.

Aber das Thema beschäftigt uns nach wie vor: Wie können wir einen Ressourcenverbrauch in Wertschöpfungsketten ausgleichen, der zu Lasten des Naturkapitals oder der Biodiversität geht? Spannend finde ich, wie sich sowas in einer Marktwirtschaft steuern und finanzieren lässt.

Wir sehen auf renaturierten Flächen, wie schnell Biodiversität zurückkommt und die Natur sich diese Räume wieder zurückerobert – und das macht Mut. Gleichzeitig braucht es neue Konzepte: Bewertungsmethoden, Finanzierungsideen, marktwirtschaftliche Anreizsysteme.

Genau deshalb liegt mir der Sustainable Economy Summit so am Herzen, weil ich genau für diese und weitere Themen spannende Impulse erwarte. Man trifft Gleichgesinnte, Mitstreiter und Experten. Man wird inspiriert für neue Ideen, entwickelt die vorhanden weiter und hinterfragt Ansätze. Deshalb ist der Sustainable Economy Summit für mich auch eine Art „Energieraum“, in dem ich für diese Themen neue Kraft schöpfe und weitere Unterstützung finde, denn für die Entwicklung echter nachhaltiger Innovationen braucht es Ausdauer und gegenseitige Unterstützung.

Der nächste Summit steht unter dem Titel „Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft“. Spüren Sie diesen Rückenwind – oder braucht es ihn gerade jetzt besonders?

Sowohl als auch. Die Notwendigkeit, unsere Wirtschaft weiterzuentwickeln, spüren fast alle. Nur ringen wir aktuell noch um Visionen, um die erfolgversprechendsten Strategien und um die richtigen Maßnahmen – und mit welchen Prioritäten und welcher Reihenfolge diese Schritte angegangen werden sollen. Um hier weiterzukommen ist für mich ganz im Sinne unserer Unternehmenskultur der Dialog entscheidend: nur im Austausch entstehen gemeinsame Lösungen. Das ist wichtiger denn je. Denn angesichts des rasanten Voranschreitens des Klimawandels, globale Instabilitäten oder der enorme Energiebedarf für künstliche Intelligenz müssen wir schnell kluge Lösungen finden. Das ist wichtig für unser Land, unsere Wirtschaft und die gesamte Menschheit. Deshalb müssen schnell Veränderungsprozesse angestoßen werden – im Großen wie im Kleinen.

Zum Abschluss: Gibt es ein Thema, das Ihnen im Hinblick auf den Sustainable Economy Summit besonders wichtig ist?

Wir haben Nachhaltigkeit lange mit Angstbildern und Krisenerzählungen verbunden. Doch wenn Menschen zu viele Krisen erleben, schalten sie ab und stecken den Kopf in den Sand. Deshalb werden wir über Hoffnung, Erfolge und Handlungsmöglichkeiten sprechen.

Mein Credo ist: Jeder Mensch, der etwas entscheiden kann, kann auch etwas bewirken – im Kleinen wie im Großen. Und wir brauchen dringend Rahmenbedingungen, die marktwirtschaftliche Anreize setzen, statt uns in kleinteiliger Regulierung zu verlieren. Regulation ist per se nicht falsch, aber sie darf Innovationskraft nicht ersticken. Daher ist das Thema Naturkapital für mich so spannend: Es könnte ein maßgeblicher marktwirtschaftlicher Hebel sein, der echte Veränderungen bewirkt. Auf dem Sustainable Economy Summit hoffe ich auf genau diese Diskussionen.

 

Zur Session mit Kerstin Erbe